Maximilian Meisse Architekturfotografie

Beckerstraße 10
12157 Berlin
Germany
mail@meisse.de
mobil +49 172 9 69 70 25
fon +49 30 7 81 60 96
Berlinkontinuum

Zu den Bildern

Fotografien: Maximilian Meisse

Vorwort: Markus Tubbesing
deutsch I englisch
96 Seiten, 54 farbige Abbildungen Hardcover, EUR 29,80
Ernst Wasmuth Verlag, ISBN 978 3 8030 0818 3

Vorwort von Markus Tubbesing:

Zerstörtes, geteiltes, gemordetes, ewig unfertiges Berlin, „dazu verdammt immerfort zu werden und niemals zu sein.“(1) Das ist Berlin, wie wir es kennen. In dieser Stadt der Brüche sucht Maximilian Meisse nach einem Kontinuum und zeigt uns ein ungebrochenes Berlin.

Meisse unternimmt mit seiner fotografischen Konstruktion, was Architektur- und Städtebauhistoriker unlängst vergessen haben: nach den Erzählungen einer lückenlosen Berliner Baugeschichte in „Berlin und seine Bauten“ (1896), „Drei Jahrhunderte Baugeschichte“ (1939), „Baugeschichte Berlin“ (1970) und „750 Jahre Architektur und Städtebau in Berlin“ (1987) erneut den Bogen der Berliner Stadtarchitektur über die Jahrhunderte hinweg zu spannen: bis zum heutigen Tag.(2)

Der Bogen dieser Berliner Stadtarchitektur beginnt im Jahre 1688, als Kurfürst Friedrich III. auf der Cöllnischen Feldmark eine Stadt anlegen ließ, die er nach seinem eigenen Namen Friedrichstadt nannte. Hier entstand eine Stadt ganz anders als diejenige des bisherigen Berlins und Cöllns, ein regelmäßiges großzügiges Berlin mit gleichförmigen Blöcken und weiten Straßen, streng, klar und ernst. Die Stadthäuser im „System Friedrichstadt“ waren traufständig, kubisch, einheitlich gegliedert und sparsam im Dekor, berlinerisch eben.(3) Meisse macht uns mit ihnen vertraut.

Die Grundordnung, die Johann Gregor Memhardt der barocken Stadterweiterung eingeschrieben hat, galt gleichermaßen für die wilhelminische Erweiterung von 1862 und sie prägt die Entwicklung Berlins im Wesentlichen bis heute: Flucht- und Trauflinie, Block und Parzelle, Stadtraum und Hof. „Stadtgeschichte ist Geschichte der Formung und Umformung von einem Typus in den anderen, ein morphologisches Kontinuum, ein Lesebuch voller Ereignisse“, wie sich dies Oswald Mathias Ungers anlässlich seiner Planung für die Südliche Friedrichstadt vorstellte. Doch während Ungers von der realen Stadt im besten Falle „ein lebendiges Nebeneinander von Stücken und Fragmenten, Typen und Gegentypen, eine Gegenüberstellung von Widersprüchen“ erwartete, zeigt Meisse mit seinem Gegenentwurf – ungleich optimistischer – ein unerhört weiter-geschriebenes Berlin.(4)

Um dies zu erreichen, blendet Meisse tüchtig aus: Vergeblich wird man in seinen Bildern die Objekte der Museumsinsel suchen. Den Exorzismus der Nachkriegszeit schneidet er ebenso heraus wie manch hohle Demokratiemetapher einer Nachwendeglasarchitektur. Meisse zeigt, dass der Faden der Berliner Stadtarchitektur nie ganz abgerissen ist, wie sie Großartiges, aber manchmal auch Mittelmäßiges, doch nie individualistisch Willkürliches hervorbringt. Deshalb schiebt Meisse den Architekten als Demiurg, der seine eigene Ordnung schafft, aus seinem Bild.

Ein Berlinkontinuum zu entwerfen ist gewiss eine Utopie, in Meisses Bildern aber wird sie konkret. Denn er zeigt uns nicht die Metapher einer Stadt, sondern ein Berlin, in dem Menschen wohnen, arbeiten, leben und genießen. Meisse zeigt uns: Berlinkontinuum, längst wird es wieder real.

(1) Karl Scheffler, „Berlin – Ein Stadtschicksal“, Berlin 1910, S. 267.

(2) Karl Emil Otto Fritsch, „Zur geschichtlichen Entwicklung der Berliner Baukunst“, in: „Berlin und seine Bauten. Der Hochbau“, Berlin 1896, S I–VIII; Franz Jahn, „Drei Jahrhunderte Baugeschichte in Berlin“, Berlin 1939; Helmut Engel, „Baugeschichte Berlin“, Bd. I–III, Berlin 2004–2009; Josef Paul Kleihues (Hg.), „750 Jahre Architektur und Städtebau in Berlin“, Stuttgart 1987.

(3) Dieter Hoffmann-Axthelm, „Das Berliner Stadthaus. Geschichte und Typologie“, Berlin 2001, S. 81–89.

(4) Oswald Mathias Ungers, „Südliche Friedrichstadt Berlin. Planung“, in: Heinrich Klotz (Hg.), „O. M. Ungers 1951–1984. Bauten und Projekte“, Braunschweig / Wiesbaden 1985, S. 137.