Maximilian Meisse Architekturfotografie

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Fotografien: Maximilian Meisse

Vorwort: Hans Kollhoff
deutsch | englisch
96 Seiten, 70 farbige Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag, EUR 29,80
Ernst Wasmuth Verlag, ISBN 978 3 8030 0748 3

Vorwort von Hans Kollhoff:
Entwurf einer historischen Architektur

Das ist nicht die Museumsinsel, wie wir sie kennen. Das ist ein Gegenentwurf. Maximilian Meisse zeigt uns den Ort nicht, wie er ist, oder besser, wie wir ihn zu kennen glauben, sondern eine Vision, wie er sein könnte – oder wie er war. Er zeigt uns, dass, was wir zu kennen vermeinen, nicht die Realität sein muss. Die Realität ist wie eine Kuh, pflegte Colin Rowe zu sagen, wenn man ihr lange genug in die Augen schaut, zieht sie davon. Seit ich Maximilian Meisses Entwurf von der Museumsinsel kenne, ist das für mich die neue Realität.

Die Museumsinsel, Akropolis des zerstörten und verfallenen Spreeathen, das wir aus den Büchern kennen - was war sie anderes als ruinöse, überaus problematische Vergangenheit! Naziaufmarschplatz (Lustgarten), Säulenpathos (Altes Museum), Monumentalismus (Pergamonmuseum), Eklektizismus (Alte Nationalgalerie), Historismus (Bodemuseum) und Wilhelminismus (Dom). Durchweg negative Assoziationen also, die auch durch neuerliche Rückgewinnungsanstrengungen nicht vergessen sind. Ja vielleicht ist das die historische Leistung der schmucklosen Weißbetontreppe im nackten Raum Stülers, die Schwellenangst zu mindern und uns, eine vorurteilsbehaftete, verängstigte Spezies, wieder an die Museumsinsel heranzuführen.

Maximilian Meisse scheint diese Vorbehalte nicht zu kennen oder er will von ihnen nichts wissen bei seiner fotografischen Rekonstruktion. Oder aber, was wahrscheinlicher ist, kennt er die Aversionen gegenüber der Museumsinsel sehr genau und macht sich diesen Hintergrund zunutze für seine fotografisch-entwurfliche Tätigkeit. Völlig unbeeindruckt von der gewöhnlichen zeitgenössischen Rezeption, jedes Gebäude als ein Individuum zu sehen, losgelöst von seinen Nachbarn, mit eigener Geschichte und Problematik, wagt er eine Zusammenschau und schafft wie aus dem Nichts eine Berliner Stadtkrone, auf die die Expressionisten so versessen waren vor der großen Zerstörung.

So sehr die Museumsinsel im Gegenüber der bürgerlichen Stadtstruktur ihre Gestalt gewonnen hat, so sehr ist sie doch heute auf sich zurückgeworfen, mehr denn je zur Insel geworden, der Bezugnahme auf das Schloss beraubt und damit der Einbettung in das Achsensystem der Linden, das vom Brandenburger Tor her über die Schlossbrücke an der Schlossfront gleichsam eine Brechung zum Alten Museum fand. Dabei lässt sich die Museumsinsel als Sublimierung konventioneller städtischer Architektur lesen, gleichsam als eine bürgerliche Stadtkrone, bevor diese Gegenstand individueller Spekulationen werden konnte. Welch ein grandioses Missverständnis der frühen Moderne, der „Gläsernen Kette“ und des „Arbeitsrats für Kunst“, man könne sich eine Stadtkrone ausdenken und aufsetzen - als expressionistische Komposition! Vielmehr verdankt sie sich dem Nebeneinander, Ineinander, Übereinander der monumentalen, dem jeweiligen Zweck am besonderen Ort entsprechenden Verwendung eines überlieferten architektonischen Repertoires, das etwas zu verherrlichen hat und dabei höchstem künstlerischen Ausdruck genügen will. Es sind besondere Häuser, die hier eine Stadtkrone bilden, feierliche Behausungen für die Kunst.

„Entwurf einer historischen Architektur“ hat 1721 Fischer von Erlach mit erstaunlichem historischen Einfühlungsvermögen (Kruft) sein monumentales Konvolut von Stichen genannt, das die Globalisierung in der Erfindung architektonischer Welten vorwegzunehmen scheint, die sich jeweils an Bilder damals bekannter Weltkulturen knüpfen. Er wollte „das Auge der Liebhaber ergötzen und den Künstlern zu Erfindungen Anlass geben“. Er nannte dieses 1705 in Angriff genommene Werk „ein unschuldiges Zeitvertreib“. Ist Fischer von Erlachs ausgreifender Blick die Ankündigung globalen Interesses, so geht es Maximilian Meisse um Fokussierung und Intensivierung.

Meisse schafft mit der Kamera eine historische Architektur, die das latente Eigene aufzuspüren sucht, das verschüttete und vergessene „Spreeathen“, das in der Museumsinsel immer noch oder besser wieder eine ganz überwältigende Präsenz zu entfalten beginnt, für den, der sich neugierig auf den Weg macht, diesen Kosmos zu entdecken. Er umkreist die Museumsinsel und dringt immer wieder in sie ein, tritt zurück und hält sich an einem Detail auf, schweift ab, um dann umso akribischer eine Schichtung und Staffelung von Bauteilen einzufrieren, die über Generationen entstanden ist und die wir so nie gesehen haben. Das sind die ausdrucksstärksten Bilder, die Ausschnitte verschiedener Gebäude zusammenfassen und zeigen, wie innerhalb eines begrenzten tektonischen Repertoires eine üppige Ausdrucksvielfalt entstehen konnte, die sich doch zu einer verblüffenden Homogenität fügt. Ungläubig blättern wir durch die Bilder, vor und zurück, das soll die Museumsinsel sein, das ist tatsächlich Berlin?

Wir gehen durch die S-Bahn-Unterführung mit ihrer Graffitikunst und werfen unversehens einen Blick auf diese Museumsinsel: einen Blick in Griechenlands Blüte, nicht länger eine Toteninsel, bei aller Liebe zu den wunderbaren Böcklin-Bildern, die hier zu Hause sind. Doch wie bei Böcklin ist hier nichts abgestellt, alles drängt aus der Erde heraus, von Stützmauern gehalten – gegliederte Masse, die es zum filigranen Gesims drängt und zur akanthusgeschmückten Säule. Nur deshalb geht die Querung der S-Bahn so selbstverständlich in das romantische Bild ein. Was am Hauptbahnhof bloß funktioniert, hier wird es zum Ereignis. Selten begegnen wir Versatzstücken unserer modernen Zivilisation, ein Bagger hier, ein einsamer Bauwagen unter einer Brücke und die Baustelle der James-Simon-Galerie. Was für Geräte lassen wir auftreten und wie eingeschüchtert wirkt unsere Architektur! Welche Kraft in der historischen Profilierung des Neuen Museums und welche Ermattung im Neubauteil! Nur der Fernsehturm ragt aus einer anderen Welt hin und wieder in das Bild, noch nicht einmal störend, ist er doch einer der wenigen Gebäudetypen der Moderne mit einer gewissen Eleganz in der Stadtsilhouette. Wenn das Bodemuseum erleuchtet ist, verspürt man sogar eine Annäherung: Auch moderner Architektur ist ein Anflug von Schönheit nicht abzusprechen, nachts.

Eine Freude an tektonischer Morphologie bricht sich immer wieder Bahn: Backsteinpfeiler über kanneliertem dorischen Säulenfragment; filigranes Gebälk mit mennigefarbenem Doppel-T-Träger; gestaffelte Kolonnadenmotive: Spreekolonnade, Front der Alten Nationalgalerie, Portikus des Neuen Museums. Vorherrschend sind Materialfarben, Stein, Backstein und Putz (der oft Stein nachahmt). Merkwürdig korrespondieren die Reste der Wandfresken im Neuen Museum vor der Restaurierung mit den eingangs bemerkten Graffiti. Und das Rot auf Plakaten und Fahnen irritiert mächtig.