Maximilian Meisse Architekturfotografie

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Fotografien: Maximilian Meisse
Vorwort: Gerwin Zohlen
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96 Seiten, 74 farbige Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag, EUR 29,80
Ernst Wasmuth Verlag, ISBN 978 3 8030 0782 7

Vorwort von Gerwin Zohlen:
Durch fließende Spiegel.

Die Fotos von Maximilian Meisse erinnern an fließende Spiegel, durch die man durch die Wirklichkeit hindurch steigt. Keiner weiß, wohin er gelangt, welch sonderbares und seltsames Schattenreich sich auftut, wenn die sichtbare Wirklichkeit hinter einem liegt. Ob Hausgeister oder Kröten, Juwelen oder verlockende Gefilde, Schreck- und Rachegespenster der architekturvergessenen Architektur oder das Himmelreich der Sorgfalt für den städtischen Raum hier wesen, ist nicht klar und wird auch nicht von den Bildern oder ihrem Autor verraten. Die Bilder strahlen bloß Ruhe und Abgeklärtheit aus, die betören. Beide lassen sie die Mühe, den Aufwand vergessen, die für diese Trüffeljagd vonnöten waren.

Vor allem zeigen sie Präzision. Das Licht, der Blick, die gelegentlich wie aufgehoben wirkende Entfernung der Objekte zueinander, die Fernes so nah rückt, wie es noch nie gesehen wurde, und umgekehrt das Naheliegende und Vertraute so abrückt, als sei es gerade erst aus dem kühlen Weltall auf die Erde gefallen. Hat man je Schinkels Casino in Glienicke gesehen, als läge es, herabgestürzt aus dem hehren Kosmos der Ideale, wie neu geboren auf Capri? Ziel von Urlaubs- und Bildungsreisen, aber sicher nicht in Berlin? Oder die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Konnubium mit dem frisch entstandenen Hochhaus an der Kantstraße – Gott und Kommerz reichen sich geschwisterlich die Hand. Und war wirklich das Internationale Handelszentrum bloß eine Dachbedeckung der Neuen Wache?

Zu meinen Lieblingsbildern gehört das Pallasseum, das einen mit geballter Satellitenschüsselmacht anzuspringen scheint, so dicht, so kompakt kommt die Balkonwand daher. Doch hinter der besänftigten Aggression steht die Entdeckung der einen Schüssel, die ein rührendes Familienidyll spiegelt oder zu spiegeln scheint. Wer weiß das schon. Und schließlich der Hinterhof am Nollendorfplatz: Man sieht, weil man im Grunde nichts sieht, alles, die Schattenrisse vergangenen Lebens ebenso wie die zusammengeschnurrte Gegenwart der Autos. Ein Sog reißt einen durch die Lücke zwischen den Häusern – hier konnte doch nichts an den Brandwänden gebaut gewesen sein? Schon schwankt die Wirklichkeit, der Blick.

Der große Karl Kraus notierte einmal, dass ein Wort, je genauer man es betrachtet, desto ferner zurückblickt. Das scheint mir auch bei Maximilian Meisse der Fall zu sein. Er betrachtet die Wirklichkeit durch seine Kamera mit einer Intensität, dass sie erschrocken fremd zurückschaut. Mal zeigt sie ihr schäbiges, manchmal aber auch ihr kleinglückliches Gesicht. Die Ruine der Deutschlandhalle stammt gewiss aus Tschernobyl oder kam gerade aus Syrien angeflogen, wo es Bomben hagelt. Und dass Hans Schaefers Hochhaus am Hohenzollerndamm für die BfA aus dem Dschungel wächst, war mir zuvor nie klar geworden. Es weckt ein Lächeln, ein Einverständnis, das kleine Glück der Findung.

Im Übrigen sagt die Legende, dass allein die Spiegelmacher von Venedig über die Kunst verfügen, fließende Spiegel herzustellen. Sorgsam hüten sie das Geheimnis ihrer Herstellung in einer streng bewachten Loge, zu der nur die Auserwähltesten Zugang erhalten. Sie werden erst zugelassen, wenn sie genügend Proben ihrer Spiegelkunst vorgelegt haben. Und dürfen über die Loge ebenso wenig sprechen wie über die Kunst der Fließende-Spiegel-Herstellung. Ich bin mir sicher, dass Maximilian Meisse ein Mitglied dieser geheimen Bruderschaft ist. Doch darüber darf er ja nicht reden.