Maximilian Meisse Architekturfotografie

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Fotografien: Maximilian Meisse

Texte von Dieter Kosslick und Ingemar Vollendender
117 Seiten, 60 farbige Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag, EUR 29,80
Ernst Wasmuth Verlag, ISBN 978 3 8030 0697 4

Vorwort von Ingemar Vollendender:
Fotogeschichte.

Eine Sichtweise öffnet sich. Sie scheint lapidar. Sie bildet Körper und Räume ab, den Rhythmus von Fensteröffnungen, Pfeilern und Deckenbalken. Treppenläufe, Korridore, Türportale. Oberflächen aus poliertem Stein, lackiertem Holz und glänzendem Gummi, mattiertes Glas, gestrichener Stahl. Architektur ganz bei sich selbst. Monumental oder anonym. Funktionsbereit. Sauber. Das elektrische Licht brennt. Warum eigentlich? Auf wen warten diese Räume? Erst auf den zweiten Blick fallen die Spuren der Benutzung auf. Die Gepäckbänder, Fluchtwegschilder, leeren Trolliwagen. Flugzeuge, einzelne nur, die sich auf der Luftseite unter dem grandiosen, bogenförmig weit aufgespannten Vordach verlieren. Die Bilder scheinen vorweg zu nehmen, was kommen wird. Tempelhof wird geschlossen. Die Bilder rechnen mit diesem Verlust, dokumentieren ihn. Ohne Nostalgie, nur mit Neugier. Neugier für das, was zu sehen ist und für die Frage, wie man sich mit den Mitteln der Fotografie davon ein Bild machen kann. Das Besondere daran ist die Herausforderung, dieses Haus sichtbar zu machen, eines der größten, geladen mit Bedeutung. Das ist das einzige Konzept. Keine thematische Schablone des Blicks, keine dramaturgisch digitale Manipulation. Ein eigenständiges Format. Architekturfotografie konzentriert sich heute auf die Verwertbarkeit zeitgenössischer Autorenarchitektur. Fotografische Kunst setzt auf die Prägnanz thematischer Reihen und die Wiedererkennbarkeit einer homogenen Darstellung. Die Auseinandersetzung mit der Form und Ganzheit eines historisch verifizierbaren Objekts kommt nicht vor, scheint zu nahe am Realismus der Fotoreportage.

An dieser Grenze entstehen die Bilder vom Flughafen Tempelhof, die sich in einer grossen, kreisenden Bewegung vom weit aufgespannten Landschaftspanorama der Romantik bis in die kleinen, beklemmenden Stillleben unserer Tage einfühlen. Die Gleichzeitigkeit dieser Bildgenres ist kaum ironisches Spiel, sondern souveränes Handwerk einer symphonischen Strategie. Der Blick ist nicht einheitlich, die Motive sind es auch nicht. Die Spannkraft der grossen, rigorosen Form, die in den Bildern der Haupthalle zwischen dem wunderbar sanft durch mattiertes Glas einfallenden Seitenlicht und dem harten, geometrisierten Kunstlicht der Fluoreszenzröhren an der Decke oszilliert, wird schrittweise aufgelöst und verwandelt bis zur bedrohlich diffusen Raumstimmung der anonymen Wartezonen für Militärs und Politiker, die in den Nachkriegsjahren irgendwo in dem riesigen Haus eingerichtet wurden, zwischen grauem Teppichboden und tief abgehängten Schallschutzdecken. Blick und Bildkomposition folgen dem räumlichen und atmosphärischen Szenario der Architektur. In der zentralen Halle sind sie ausgerichtet an der Monumentalität der seriellen Ordnung und ihrer frühmodernen Eleganz. An den Rändern und in Nebenräumen geben sie der Beiläufigkeit von kleinen, provisorischen Orten nach. So zeichnet der Weg der Kamera durch das endlose Haus auch eine Zeitreise nach. Eine Fotogeschichte im doppelten Sinne.

Der Flugbetrieb wird eingestellt. Das Haus bleibt stehen, es ist denkmalgeschützt. Die üblichen Ausstellungstafeln vielleicht in der Eingangshalle, deren Deckenhöhe lange schon mit Gipskartonplatten entnazifiziert worden ist, werden von einer kurzen, intensiven Geschichte erzählen. Welthauptstadt, Krieg, Luftbrücke, City-Airport. Und sonst? Was wird mit all diesen Hallen und Räumen in einem Haus über 1000 Meter lang, drei Geschosse tief in die Erde gebaut, geschehen? Mehr Ausstellungsflächen für moderne Kunst? Shopping Mall, Business Center, Megadisco oder Techno Park? Dieses Haus hält alles aus, wer aber soll das heute finanzieren und betreiben, in Berlin? Für die Zeit, bis es soweit ist, entwerfen diese Fotografien von leeren Räumen und verlassenen Orten eine radikale, verschwenderische Alternative. Abschließen, Licht brennen lassen. Der Schlüssel ist beim Kiosk am Abgang zur U-Bahnstation „Platz der Luftbrücke“ hinterlegt. Keine Führungen, nur kleine Schilder auf der Wand, als Legenden zu den einzelnen Situationen und ihren Geschichten. Bilderphantasie zu einer utopischen Architektur.